Kirchengeschichte


360 Jahre Friedrichsorter Kirchengeschichte im Überblick
Vortrag vom 14.9.2003 in der Bethlehem-Kirche von Pastor Volker Landa

1. Die dänische Zeit (1631-1864)
Die Geschichte von Friedrichsort beginnt im Jahre 1631, also mitten im 30-jährigen Krieg: Der dänische König Christian IV. beschloss, zum Schutz gegen einen schwedischen Angriff an der eng-sten Stelle der Kieler Förde eine Festung bauen zu lassen. Der König äußerte den Wunsch, „Gott möge seine Gnade dazu geben, dass die Festung zu Lob, Preis und Ehre seines allerheiligsten Namens angelegt und erbaut werde“. Jedoch vergaß er natürlich nicht, auch dem eigenen Namen Ehre und Preis zu sichern: Die künftige Festung solle Christian(s)pris heißen.
Bis dahin gab es auf dem Gebiet des heutigen Friedrichsort weder Gebäude noch Einwohner. Das Land gehörte zum Gut Seekamp im Kirchspiel Dänischenhagen.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich erste Nachrichten über kirchliches Leben in der Festung im Dänischenhagener Kirchenbuch finden.
Spätestens 1641/42 war ein Pastor in der Festung tätig. Wahrscheinlich gab es noch keine eigene Kirche, aber wohl einen Kirchenraum im „Königlichen Haus“, in dem sich König Christian IV. mehrfach aufhielt. Auch der Friedrichsorter Friedhof ist zwischen 1632 und 1643 auf einem Hügel westlich der Festung angelegt worden.

Im Dezember 1643 wurde die Festung von den Schweden unter General Torstenson erobert. Dabei fiel auch die zur Sicherheit in der Festung verwahrte Kirchenkasse von Dänischenhagen mit „540 Mark Lübsch“ (= 180 Reichstaler) den Schweden in die Hände. Nach Verhandlungen gab Schweden 1645 die Festung wieder an Dänemark. - 1648 ließ der Nachfolger von Christian IV., sein Sohn Friedrich III., aus diplomatischen Gründen die Festung schleifen, sie wurde „gänzlich demoliret“. Auch der Kirchhof wurde „ruiniret“, einige Leichen auf den Dänischenhagener Friedhof überführt. Allerdings blieben Festung und Kirchhof offenbar in ihren Grundzügen erhalten.

15 Jahre später, 1663, begann der Wiederaufbau der Festung, nachdem König Friedrich III. die strategische Bedeutung der Kieler Förde erkannt hatte. Diese neue, deutlich vergrößerte Festung erhielt den Namen „Friedrichsort“.
Der König ließ von Anfang an auch die geistliche Versorgung sicherstellen: Das Titelblatt des Ersten Friedrichsorter Kirchenbuches berichtet von der Berufung eines Festungspastors noch im Jahr 1663. Seit Ende 1664 wurde der Friedhof wieder benutzt. Eine schlichte Kirche im oberen Stockwerk eines Anbaus am Kommandantenhaus, ausgestattet mit Orgelpositiv und Glocke, bot Raum für Gottesdienste. Spätestens ab 1681 wirkte hier ein Organist, der zugleich Küster und Schulmeister war. Die Festungsgemeinde bestand aus den Militärangehörigen und den Zivilpersonen (Handwerker, Weinschenk etc.), die in der Festung lebten. Groß war die Gemeinde nicht: Die Besatzungsstärke der Festung schwankte, lag meist bei nur 250 Mann, dazu ca. 100 Zivilisten.
Fast 200 Jahre lang führte die Festungsgemeinde ein ruhiges Leben. Nur zwei Mal wurde die Ruhe gestört, als 1813/14 schwedische Truppen und 1848-51 schleswig-holsteinische Truppen die Festung jeweils kampflos besetzten. Der junge preußische Artillerie-Leutnant Werner Siemens berichtet in seinen Lebenserinnerungen folgende Anekdote aus dem Jahr 1848:
„ Bei Tagesgrauen erhielt ich die Meldung, daß auf der Reede ein dänisches Kriegsschiff läge, und bald darauf wurde ein Spion eingebracht, der ihm vom Walle aus Signale gegeben hatte. Es war ein zitternder alter Mann, der von kräftigen Armen gefesselt mir vorgeführt wurde. Bei dem angestellten Verhör ergab sich, daß er Garnisonspastor [von der Heyde] war, dem es zu unruhig in der sonst so stillen Festungsruine geworden und der deshalb den Fischern des auf der anderen Seite des Hafeneinganges gelegenen Dorfes Laboe das verabredete Signal zur Hersendung eines Bootes gegeben hatte.“

Zwar gab es natürlich auch sonst im kirchlichen Leben Veränderungen im Einzelnen, aber die Grundzüge blieben konstant.
Die Festungsprediger wurden direkt vom Dänischen König eingesetzt und erhielten ihr Gehalt aus der Rendsburger Kriegskasse: um 1760 waren es 800 Rthlr./Jahr. Die Lehrer waren erheblich schlechter bezahlt - 1799: 120 Rthlr./Jahr, Wohnung und Gräsung für eine Kuh - und wurden von den Kirchenvorstehern – das waren der Kommandant und der Pastor – gewählt. Für beide, den Pastor und den Lehrer gab es Dienstwohnungen in der westlichen „Torbaracke“.
Alle Pastoren stammten aus Holstein oder anderen deutschen Gebieten, „waren also Deutsche und haben vermutlich auch den Gottesdienst in der dänischen Festung immer in deutscher Sprache gehalten, obwohl, namentlich in der Bauzeit, auch reichsdänische Truppen in der Festung anwesend waren. Die Kirchenbücher sind ausschließlich in deutscher Sprache geschrieben.“

Das erste Kirchenbuch beginnt 1666 und schließt 1763. Es enthält Namen und Lebensdaten der Pastoren, einige Abrechnungen über Kirchengelder, eine Auflistung der Kirchenausstattung („Spezifikation derjenigen Sachen, so der Kirchen zu Friedrichsort zuständig“) sowie ein Tauf- und Trauregister – leider aber kein Beerdigungs- bzw. Sterberegister.
Das zweite Kirchenbuch umfasst den Zeitraum 1763-1899 und enthält Register über Taufen, Konfirmanden, Confitenten (Beichtende), Verlobungen, Trauungen und Sterbefälle.

Nachdem 1852 die letzte dänische Truppe aus der Festung zurückgezogen und 1854 nur noch 9 Festungsbewohner vorhanden waren, verließ der Festungsprediger im Herbst 1855 Friedrichsort und übergab die Kirchenbücher dem Pastorat in Dänischenhagen.
Von 1855 - 1866 gab es kein eigenständiges kirchliches Leben in Friedrichsort. Daher wird „das kleine Häuflein hier vom Dänischenhagener Pastor mit versorgt. Von 1856-66 kommen im Ganzen 20 Geburten..., 12 Todesfälle und 2 Eheschließungen vor. Friedrichsort war also in dieser Zeit auf einem Tiefpunkt seiner Entwicklung angekommen.“

Außer den Kirchenbüchern sind aus der dänischen Zeit noch zwei kirchlich bedeutsame Zeugnisse erhalten: ein Abendmahlsgemälde, welches heute in der Friedrichsorter Bethlehem-Kirche hängt, signiert „JJS Anno 1714“; und eine Grabplatte von 1738: Sie stand seit 1952 an der alten Friedhofskapelle und wurde nach deren Abriss 1999 separat aufgerichtet.

 

2. Die preußisch-deutsche Zeit 1864 - 1919: Kirche / Gemeinde im „Kaiserlichen Friedrichsort“
Mit dem Ausgang des Deutsch-Dänischen Krieges endete 1864 die Oberhoheit Dänemarks über das Herzogtum Schleswig, also auch über Friedrichsort. Ohne jeden Widerstand zogen preußische Truppen in die Festung ein und begannen bald darauf mit deren Wiederbewaffnung.
1865 wurde Kiel preußischer Flottenstützpunkt und Friedrichsort die „Zentralstelle für die Leitung der gesamten Befestigungsarbeiten des Kieler Hafens“, also der Sitz der späteren Königlichen Festungsbaubehörde. Nach dem Krieg gegen Österreich erfolgte 1867 durch das „Besitzergreifungspatent“ die Einverleibung von Schleswig-Holstein als Provinz in den preußischen Staat, und nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs wurde Kiel 1871 Reichskriegshafen. All dies war von entscheidender Bedeutung für die wirtschaftliche, militärische, bauliche und bevölkerungszahlenmäßige Entwicklung von Kiel und Friedrichsort in der Kaiserzeit und hat natürlich auch im kirchlichen Bereich Spuren hinterlassen.

Der Neuaufbau kirchlichen Lebens ging von der Marine aus, geschah in enger Bindung an Kaiser und Reich und trug deutliche Züge preußischen Ordnungsdenkens:

Seit 1866 gab es ein Marine-Pfarramt in Kiel, dem zunächst auch die Friedrichsorter Militärpersonen zugeordnet waren. Der Kieler Marinepfarrer Büttner übernahm für 2 Jahre (1866/67) das Friedrichsorter Kirchenbuch, übergab es 1868 jedoch wieder an den Dänischenhagener Pastor, der die Angaben für Zivilisten weiterhin darin verzeichnete. Die Angaben für die Militärangehörigen trug das Kieler Marinepfarramt jedoch nun in das 1868 angelegte Kieler Militärkirchenbuch ein. – Damit war erstmals die bisher zusammengehörige Festungsgemeinde aufgeteilt in eine Zivil- und eine Militärgemeinde. „Die Angehörigen der Garnison gehörten zum [Marine-] Pfarramt Kiel, die Civilgemeinde zum Pastorat in Dänischenhagen.“ - Die Praxis sah allerdings etwas anders aus: „Der Dänhgner Pfarrer verwaltet die [Zivil-]Gemeinde offiziell weiter. Die von Kiel hierher kommenden Marinepf.[arrer] vollziehen aber meist die Amtshandlungen [Taufen, Trauungen, Beerdigungen].“ - Dieselbe preußisch-exakte Aufteilung der Zuständigkeit wiederholte sich für die Katholiken: „Die kirchliche Versorgung der katholischen Angehörigen der Garnison erfolgte und erfolgt noch durch die katholischen Marinegeistlichen in Kiel, die Seelsorge der katholischen Civilpersonen wird durch katholische Civilgeistliche aus Kiel wahrgenommen.“
Gottesdienst-Raum war anfangs die alte „Kirche“ aus dänischer Zeit auf dem Festungshof. Dann aber fiel sie „den für die Kriegszwecke im Jahre 1870 erforderlichen Befestigungs- und Armierungsarbeiten“ zum Opfer. 1870-75 fanden die Gottesdienste im Arbeitssaal der Laboratoriums-Redoute – der Munitionsfabrik – statt.
„ Bei den damals [1872] alle 3 oder 4 Wochen hier stattfindenden Gottesdiensten spielte der Lehrer Matz das Harmonium, wofür er je 15 Silbergroschen aus der Kasse des Kaiserlichen Seebataillons erhielt; doch schon nach einigen Monaten mußte er gegen eine jährliche Entschädigung von (30) dreißig Thalern nicht nur den Organisten- sondern auch den Küsterdienst übernehmen und sich dabei noch verpflichten, auf seine Kosten einen Vertreter im Küsterdienst zu engagieren, da er beide Aemter zugleich nicht versehen konnte.“ (Schulchronik S. 3).

1875 wurde die Garnisonkirche erbaut und am 26.12.1875 durch Marinepfarrer Büttner eingeweiht. Sie war Eigentum des Deutschen Reiches und diente evangelischen und katholischen Marinesoldaten als „Simultankirche“ – d.h. beide Konfessionen feierten hier Gottesdienste, aber nicht wirklich „simultan“, sondern nacheinander.
Gelegentlich spielte die Militärkapelle im Gottesdienst oder auch nach dem Gottesdienst vor der Kirche. Schon recht bald wird der Wunsch laut, dass „ein neues, auch äußerlich würdiges Gotteshaus erbaut würde!“ (Schorn 1901 S. 93) – aber: „Der Neubau einer Kirche anstelle der alten, die im Volksmund den Namen ‚Religionsschuppen’ führt, hat bisher, trotzdem er wiederholt, immer wieder beantragt worden ist, nicht durchgesetzt werden können, da das große deutsche Reich zu arm dazu ist“ (Möhrke, Chronik ca. 1909 S. 70). Schließlich hat man sich doch mit dem „Religionsschuppen“ abgefunden: Die Kirche wurde 1913 renoviert und bekam eine neue Orgel. Die kleine „Holzkirche“ war somit von 1875 bis 1920 Zentrum des kirchlichen Lebens in Friedrichsort.

1878 bekam Friedrichsort wieder ein eigenes Pfarramt: „Durch Verfügung der Kaiserlichen Admiralität ... wurde Herr Marinepfarrer Fromholz als Garnisonpfarrer in Friedrichsort angestellt“. Die nun hier tätigen evangelischen Marinepfarrer führten ab 1878 ein eigenes Friedrichsorter Militärkirchenbuch. Sie waren zunächst nur für die Militärgemeinde zuständig.
Anfangs blieben die Marinepfarrer nur sehr kurze Zeit am Ort, mussten immer wieder an Bord gehen oder wurden an andere Garnisonen versetzt. Kontinuierliches Arbeiten war so nicht möglich. 1885 wurde darum das Friedrichsorter Garnisonpfarramt wieder aufgehoben, die Militärgemeinde wieder mit dem Kieler Pfarramt verbunden.

In den Folgejahren wuchs jedoch die Friedrichsorter Bevölkerung - vor allem durch die Ansiedlung von Arbeiterfamilien der Torpedowerkstatt in der „Kolonie Prieser Höhe“ - so stark an, dass 1891 wieder ein eigenständiges Friedrichsorter Marinepfarramt eingerichtet wurde und die Amtsinhaber nun - ab 1892 - nebenamtlich auch die Versorgung der Zivilgemeinde übernahmen.
Von 1891-1920 wirkten als Marinepfarrer - und als nebenamtliche Pastoren für die Zivilgemeinde - folgende fünf Geistliche:
L. Runze (1891-98, begann die Gemeindechronik),
Friedrich August Schorn (1898-1903, Autor des ersten Buches über Friedrichsort: „Friedrichsort. Bilder aus der Vergangenheit und Gegenwart“ von 1901),
Friedrich Hünemörder (1903-08),
Dr. Max Möhrke (1908-15),
Ulrich Schultz (1915-20).

Auch wenn also von 1891-1920 ein Pastor für Militärangehörige und Zivilisten zuständig war und der Gottesdienst gemeinsam gefeiert wurde, so blieb es doch formell bei der Teilung in eine Militär- und eine Zivilgemeinde. Die Zivilisten gehörten bis 1907 kirchenrechtlich zur Kirchengemeinde Dänischenhagen und waren daher an sich in der Garnisonkirche nur zugelassene Gäste. Das spiegelte sich u.a. in der Sitzordnung im Gottesdienst wider: Vorne saßen die Offiziere mit ihren Damen auf Stühlen nahe von Kanzel und Altar; in den vorderen Bankreihen kamen dann die Zivilisten, hinten saßen die zum Gottesdienst abkommandierten Soldaten. Marinepfarrer Runze bedauert, „dass die [Zivil-]Gemeinde keine kirchliche Vertretung (kirchl. Organe) hat ... Nur zu leicht kommt die Empfindung auf: ‚Wir sind nur neben der Marine-Gemeinde geduldet.’“

Folgenreich war ein Plan des Königlichen Konsistoriums – der kirchlichen Verwaltungsbehörde – zur Neuorganisation der kirchlichen Verhältnisse in und um Friedrichsort ab 1905: Da die Zivilbevölkerung im benachbarten Pries inzwischen fast 2.500 Personen umfasste, war die kirchliche Versorgung dort von Dänischenhagen aus kaum noch zu leisten. 1905 schickte darum das Konsistorium Carl Lensch als Hilfsgeistlichen nach Pries. Das Konsistorium
„ ... wollte die gesamte Arbeiterschaft der Kaiserlichen Werkstätten und Depots in Friedrichsort zu einer neuen selbständigen Kirchengemeinde zusammenschließen, die etwa aus der Zivilgemeinde Friedrichsort, Pries und Schusterkrug unter event. Hinzulegung von Schilksee gebildet worden wäre. ... Hauptsächlich wegen des Widerstandes der Zivilgemeinde Friedrichsort ist dieser Plan fallen gelassen.“

Die Bewohner der Arbeiterkolonie „Prieser Höhe“ hatten sich an den Kultusminister gewandt und sich aus finanziellen Überlegungen dagegen ausgesprochen, „die seit alters bestehende Gemeinschaft mit der Marinegemeinde aufzugeben.“ (Chronik S. 21). Die Eingabe war erfolgreich:
„ Auf Grund einer Verfügung des Hrn. Kultusministers aus dem Sommer d.J. [1906] wird die Zivilgemeinde Friedrichsort sich nun allein als selbständige Kirchengemeinde unter Verwaltung des Herrn Marinepfarrers organisieren und hinfort selber die Kosten für ihre kirchl. Versorgung tragen.“ (Gem.blatt Pries)

1907 ist die Friedrichsorter Zivilgemeinde von Dänischenhagen unabhängig und eine auch rechtlich eigenständige Kirchengemeinde geworden – mit eigenen Gremien, Kirchenbüchern, Stempeln usw. Der Preis: 20 % Kirchensteuer – hauptsächlich zur Deckung der Kosten (500 M.) für die nebenamtliche Versorgung durch den jeweiligen Marinepfarrer – und vor allem eine langfristig verhängnisvolle Bindung an das Geschick der Militärgemeinde. Denn die zentralen kirchlichen Institutionen (Garnisonkirche, -friedhof, -pfarrer) unterstanden der Marine.

Pries dagegen blieb mit der Muttergemeinde Dänischenhagen verbunden. Es hatte daher zwar keine eigenen kirchlichen Organe (Kirchenvorstand / Kirchenkollegium), dafür aber bald einen eigenen Pfarrer (Lensch als Pastor ab 1908), einen eigenen Friedhof (1910) und schließlich eine eigene Kirche (1911).

Innerhalb der 15 Jahre von 1905-1920 verlagerte sich der Schwerpunkt kirchlichen Lebens mehr und mehr von Friedrichsort nach Pries – ein Trend, der sich nach dem I. Weltkrieg noch verstärkte.

Der alte Garnisons-Friedhof veränderte in den Jahren 1864-1919 erheblich seine Größe und Gestalt: Die südwestliche Hälfte wurde bebaut, der Zugang zum Friedhof an die neu angelegte Straße „Am Friedhof“ (heute: Falckensteiner Str.) verlegt. 1901 entstand die Friedhofskapelle, 1913 die heutige Mauer. Damit hatte der Friedhof seine heutige Größe erreicht – aber die ursprünglich quadratische Form der Friedhofs-Anlage war nicht mehr zu erkennen.
Von einem bemerkenswerten Begräbnis aus jener Zeit berichtet Pfarrer Schorn: „Ein Unteroffizier vom türkischen Kriegsschiff ‚Fuad’ starb in jenen Tagen [der Kanaleinweihung Juni 1895] und wurde von seinen Kameraden auf dem Garnisonfriedhof von Friedrichsort nach dem Ritus der Muhamedaner beerdigt. Die Garnison beteiligte sich an dieser ernsten Feier und ehrte so den toten Kameraden, der fern von der Heimat in deutscher Erde seine Ruhestätte finden sollte.“ (Schorn S. 83)

 

3. 1919-1945
Dem Aufstieg des Gemeindelebens im „Kaiserlichen“ Friedrichsort folgte der Niedergang in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Die Abdankung des Kaisers, das Ende des Staatskirchentums sowie die weitgehende Entwaffnung bedeuteten eine tiefe Krise für das Selbstverständnis einer Gemeinde, die eng mit Monarchie und Militär verbunden gewesen war.
Für Friedrichsort führte der Krieg zu einem Rückgang der Bevölkerungszahl von 2243 (1910) auf 1499 (1922), also um fast 30 %. Vor allem bei den Militärangehörigen nahm die Einwohnerzahl dramatisch ab, während sie im stärker zivil geprägten Pries wuchs.
Den 45 Friedrichsorter Gefallenen wurde August 1920 ein Denkmal an der Wasserallee – heute Skagerrakufer – gesetzt sowie eine Gedenktafel in der Garnisonkirche angebracht. Viele Soldaten der Garnison wurden entlassen, militärische Einrichtungen aufgelöst, die Torpedowerkstatt auf zivile Produktion umgestellt, wobei die Zahl der Beschäftigten dort von ca. 6.300 während des 1. Weltkrieges bis 1924 auf etwa 400 sank. Arbeitslosigkeit, soziale Not und Abwanderung waren die Folgen. Die kirchenfeindliche Haltung der USPD führte 1919/20 zu einer größeren Zahl von Kirchenaustritten und damit zum noch stärkeren Schrumpfen der Kirchengemeinde.

Diese Entwicklungen konnten für die Gemeinde in Friedrichsort nicht folgenlos bleiben: Als der letzte Marinepfarrer Ulrich Schultz 1920 nach Pyritz/Pommern ging, wurde das Marinepfarramt aufgehoben. Für die verbliebenen Militärangehörigen war nun wieder das Kieler Marinepfarramt zuständig. Das blieb auch nach 1926 so, obwohl mit der Eröffnung der Marine-Unteroffizierschule in Friedrichsort wieder eine kleine Garnison und eine Garnison-Gemeinde vorhanden war.

Was aber sollte aus der Friedrichsorter Zivilgemeinde werden, die bisher ja eng mit dem örtlichen Marinepfarramt verknüpft war? Kam nun unter dem Druck der Verhältnisse doch die 1905/7 gescheiterte Vereinigung von Pries und Friedrichsort? Zitat aus dem Gemeindeblatt Mai 1920:
„ Kirchlich bleibt vorläufig erst einmal alles beinahe so, wie es früher war: Friedrichsort bleibt eine Gemeinde für sich und Pries desgleichen; nur daß der Unterzeichnete an Stelle des fortgezogenen Marinepfarrers der Gemeinde Friedrichsort als Prediger und Seelsorger zu dienen hat und die regelmäßigen Gottesdienste, Amtshandlungen usw. in der Kirche zu Pries statt in derjenigen zu Friedrichsort stattfinden. ... Für besondere Fälle, Trauungen von Personen, welche in Friedrichsort einst konfirmiert sind, Kirchenkonzerte und dergleichen stellt die Marine auch ferner gern die Marine-Garnisonkirche zur Verfügung. Auch ist niemand traurig darüber, wenn die Friedrichsorter ... auch alle 4 Wochen in Friedrichsort recht zahlreich zum Gottesdienst gehen.“

So der Prieser Pastor Carl Lensch. - Dass damit alles beim alten geblieben sei, kann man nicht behaupten. Für die Praxis bedeuteten die Veränderungen den Anschluss an Pries: Die Friedrichsorter Zivilgemeinde hatte „ihren“ Pastor verloren, in „ihrer“ Kirche fand nur noch alle 4 Wochen Gottesdienst durch einen Kieler Marinepfarrer statt, und für die Mitbenutzung der Prieser Kirche war eine Entschädigung zu zahlen, ferner Gehalt für den Prieser Pastor und den Kirchendiener. – Geblieben war eine formalrechtliche Selbstständigkeit der Gemeinde mit kirchlichen Gremien, die stets unter dem Vorsitz des Prieser Pastors tagten!

1922 stellte sich erneut die Frage nach einer Vereinigung. Anlass war die politische Eingemeindung von Friedrichsort, Pries und Holtenau nach Kiel zum 1. Oktober 1922. Nun hätte es nahegelegen, auch kirchlicherseits dem Rechnung zu tragen: Kirchlich gehörte Pries als Pfarrbezirk II zu Dänischenhagen; zumindest auf Prieser Seite gab es Bestrebungen, sich von Dänischenhagen loszulösen und mit der Zivilgemeinde Friedrichsort zu verbinden, um gemeinsam dem Kieler Kirchengemeindeverband beizutreten. – Aber der Friedrichsorter Kirchenvorstand sprach sich erneut dagegen aus - kirchliche Uhren gehen ja oft langsamer als andere. Vorerst blieb es bei der Regelung von 1920: Die Prieser Pastoren Carl Lensch, Asmus Christiansen und Max Osbahr waren im Nebenamt Pastoren der selbstständigen Friedrichsorter Zivilgemeinde.

Seit 1932 erwog der Kirchenvorstand Friedrichsort einen Wieder-Anschluss an das Marinepfarramt Kiel. „Die gesammte Kirchenvertretung sprach sich für einen sofortigen Anschluß [an das Marinepfarramt] aus, falls in Fr.ort ein Marinepfarrer wohnhaft wird.“ (KV 23.6.1933) – Die Sehnsucht nach der „guten alten (Kaiser-)Zeit“ ist spürbar. Aber zurückdrehen ließen sich die Uhren nicht. Aus Kostengründen entschloss man sich letztlich dann doch zum Anschluss an Pries:

„Mit Wirkung zum 1. Juli 1936 ist die bisherige Civilgemeinde Friedrichsort aufgehoben und in die Kirchengemeinde Dänischenhagen eingepfarrt unter Zuteilung zum Pfarrbezirk II in Kiel-Pries.“

Damit schien das Ende der selbstständigen Zivilgemeinde Friedrichsort gekommen.
Ü ber die Stellung der Gesamt-Gemeinde Pries-Friedrichsort in den Jahren des Nationalsozialismus ist den Quellen nur wenig zu entnehmen. Es gab wohl im Kirchenvorstand „Deutsche Christen“, Hitleranhänger – andererseits klagt Pastor Osbahr über schwierigere Arbeitsmöglichkeiten in der Wohlfahrtspflege und Jugendarbeit, wo NS-Wohlfahrt und Hitlerjugend wenig Raum lassen.

Was war aus der Garnisonkirche geworden? 1933-36 wurde sie renoviert, der Altarraum umgebaut. Die nun 14-tägig gehaltenen ev. Gottesdienste waren allerdings so schlecht besucht, dass der Marinekriegspfarrer Lucht aus Kiel riet, hier keine Gottesdienste mehr abzuhalten.
„ Oftmals war es geradezu tragisch, indem sich der katholische Küster dem Häuflein zugesellte, um die Zahl auf 3 oder 4 zu bringen. Für den Pastor war jeder Gang eine Art Weg nach Kanossa. Zu dieser Leere trug nicht zuletzt das Zusammenspiel der kirchenfremden Kräfte des Ortes von der Bevölkerung her (SPD) und der nationalsozialistischen Religions- und Kulturpolitik, die wie bekannt, nicht nur die christliche Kirche öffentlich und vornehmlich unter der Jugend zu bekämpfen versuchte, sondern auch heimlich und hintergründig. Nach dem Willen des Dekans Sontag sollte dieses schlichte Gotteshaus doch der evangelischen Gemeinde erhalten bleiben. Aus diesem Grunde wurde der Aufbau der Gemeinde seit 1943 ernst betrieben.“ (Chronik S. 36f)

Zu diesem Zweck kam August 1943 Arthur Noffke als Kriegspfarrer nach Friedrichsort.
„ Durch Bibelstunden in Privathäusern, ganz persönliche Fühlungnahme mit noch ansprechbaren evangelischen Christen, durch Vorträge und anderes gelang es, die Zahl der Gottesdienstbesucher langsam zu steigern. Am Ende 1944 sah man schon 15-25, auch gelegentlich über 30 Personen.
Die römisch-katholische Gemeinde wartete angesichts der katholischen Ausländer, die in der Torpedofertigung der Deutschen Werke arbeiteten, mit einer großen Zahl (200-300) auf. Die Gefahr einer Katholisierung der Kirche war außerordentlich groß. Langsam und stetig wuchs der Besuch der evangelischen Gottesdienste, die nach dem Zusammenbruch 1945 sonntäglich gehalten wurden.“ (Chronik S. 37)

Was schließlich den Garnisonfriedhof betrifft, so war auch hier der Niedergang spürbar: Während man unmittelbar nach dem I. Weltkrieg noch ca. 100 Soldatengräber anlegte, führte der allmähliche „Anschluss an Pries“ dazu, dass sich immer mehr Friedrichsorter auf dem Prieser Friedhof bestatten ließen – nicht zuletzt auch deshalb, weil die Marinebehörden die Bestattung von Friedrichsorter Zivilisten auf dem Garnisonfriedhof nur in besonderen Ausnahmefällen genehmigten.

 

4. 1945 bis 1994
Der Zusammenbruch des 3. Reiches hatte erneut die Auflösung der Garnison und aller militärischen Einrichtungen in Friedrichsort zur Folge. Aber anders als nach dem 1. Weltkrieg brachte das Kriegsende keinen Bevölkerungsrückgang, sondern eine Flut von Menschen nach Friedrichsort:
In mehreren Barackenlagern lebten bereits während des Krieges Dienstverpflichtete, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Dazu kamen dann noch Ausgebombte aus Kiel und vor allem zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten. Während von den Kieler Wohngebäuden 75 % zerstört oder beschädigt waren, waren in Friedrichsort nur 10 Wohnungen durch Bomben zerstört worden. Daher – so ist in der Chronik (S. 38) zu lesen -
„ wurden immer neue Armutsstürme in den Vorort Friedrichsort – Pries gelenkt ... Bis in die Dachkammern hinein, wo auf wenigen Quadratmetern Wohnraum eine ganze Familie untergebracht wurde, wurde der Ort belegt ... Im Schurskamplager, Fritz Reuter Str. 23, waren Letten, Esten, Litauer und da und dort auch Polen untergebracht. Diese betrieben ihr eigenes Leben. Die dunklen Kasematten [in der Festung] ... wurden mit Flüchtlingen belegt. Drei, ja vier Familien in einem Raum, die Einpökelung des Elends.“

Die Einwohnerzahl von Friedrichsort war von 1430 im Jahr 1935 (niedrigster Stand im 20. Jh.) auf 4336 im Jahr 1950 und weiter auf 4431 im Jahr 1955 (höchster Stand im 20. Jh.) angestiegen.

Mit dem Kriegsende Mai 1945 war nach gut 300 Jahren das definitive Ende der Garnisongemeinde gekommen. Aber Kriegspfarrer Noffke arbeitete weiter. Im Herbst 1945 konnte er eine ausgebombte 3½ Zimmer-Wohnung in der Poststr. 3 notdürftig als Pastorat und Versammlungsraum herrichten. Hier wuchs eine „Personalgemeinde, die sich um den Pfarrer der kriegsgefangenen Marinesoldaten scharte“ „mit dem Ziel, Friedrichsort eine eigene Kirchengemeinde zu geben.“

Das führte zu Spannungen im Verhältnis zur Kirchengemeinde Pries mit Pastor Osbahr. Er war seit 1926 für Pries und Friedrichsort zuständig und hatte 1936 den „Anschluss“ der Friedrichsorter Zivilgemeinde an Pries mit herbeigeführt. In der Prieser Gemeindechronik schreibt Osbahr:

„Nicht erfreulich gestaltete sich leider das Verhältnis zum noch bestehenden Marinepfarramt Friedrichsort. Es war selbstverständlich zu begrüßen, daß sich dort um den Gottesdienst auch Glieder der Zivilgemeinde sammelten, zumal wir in Pries sie gar nicht alle aufnehmen konnten. Aber die Arbeit in Friedrichsort wurde leider auch in einer überflüssigen, unfeinen Konkurrenz getan, wobei mit allen Mitteln versucht wurde, kirchliche Kreise der Gesamtgemeinde dem Pastor und dem gottesdienstlichen Leben in Pries zu entfremden. Der Kirchenvorstand war gezwungen, geschlossen dagegen Stellung zu nehmen.“

Bei dieser Entwicklung wirkte auch die unterschiedliche Lebenssituation von „Einheimischen“ und „Fremden“ trennend: Während sich die „Einheimischen“ eher zu Osbahr hielten, der bereits 20 Jahre Pastor im Stadtteil war, sammelten sich die „Fremden“ um Noffke, der selbst aus Hinterpommern stammte, in Kiel zweimal ausgebombt wurde, die Heimat verloren und auch Gefangenschaft erfahren hatte – er war in vielem den „Fremden“ nahe. Die Situation der über 2000 Heimat- und Wohnungslosen sowie die Erweckungsfrömmigkeit vieler Pommern und Ostpreußen prägte die entstehende Friedrichsorter Gemeinde:
„ Die Teilnahme der sog. einheimischen Bevölkerung [am Gemeindeleben] ... war außerordentlich gering. Sie ist es bis auf den heutigen Tag, sodaß die Gemeinde wie eine Schar von Fremdlingen, sowohl in geistlicher wie auch in weltlicher Hinsicht erscheint, eine Diaspora der geistlich Beheimateten, irdisch aber Heimatlosen. ... Die Gemeinde erfreute sich von Anfang an einer tätigen Mitarbeit bewußter und erweckter Christen. Das war für den Ort etwas neues“ (Noffke, Chronik S. 42f).

Im Dezember 1947 war das von Noffke angestrebte Ziel erreicht: die Neugründung der ev.-luth. Kirchengemeinde Friedrichsort, „welche auch Teile des alten Pfarrbezirkes Kiel-Pries umfaßt, damit dem Pastor in Friedrichsort ein genügendes Arbeitsgebiet in eigener Gemeinde zugewiesen wird.“ Im neuen Kirchenvorstand war erstmals auch eine Frau (Lehrerin Luise Meyer) vertreten. Noffke wurde zum ersten Pastor gewählt und bemühte sich, die äußeren Bedingungen für die Entfaltung des Gemeindelebens zu verbessern. 1948 wurden eigene Mitarbeiter eingestellt.

Die Garnisonkirche sowie der Garnisonfriedhof unterstanden als reichseigene Liegenschaften 1945-49 der britischen Militärregierung. 1948 gelang es der Gemeinde, den Friedhof unentgeltlich zu pachten und die Garnisonkirche für 300 DM / Jahr anzumieten. Damit waren erstmals Kirche und Friedhof nicht mehr hauptsächlich militärisch, sondern zivil genutzt. – Auch die röm.-kath. Kirche hatte Interesse an der Kirche gehabt – es gab ein regelrechtes „Tauziehen“ um die Kirche. In den Verträgen für Kirche und Friedhof ist jeweils ein Mitbenutzungsrecht für die katholische Kirche festgeschrieben. Bis zum Bau der katholischen Kirche „Dreieinigkeit“ in Pries 1953 wurden in dieser Kirche regelmäßig auch katholische Gottesdienste gefeiert. Dann erst endete die „ökumenische“ Nutzung. – Der Gottesdienstbesuch nahm unter Noffke enorm zu: Für 1950 berichtet die Chronik von durchschnittlich 250 Teilnehmern, dazu noch 130 Kindergottesdienst-Besucher!

Besondere Erwähnung verdient die kirchliche Arbeit in den Lagern:
Im Lager Schurskamp gab es anfangs eine ev. lettische und eine ev. litauische Gemeinde – ca. 400 Personen – betreut von Prediger Michael Klimkeit. Baracke 4 war Gottesdienstraum, Baracke 9 Gemeindesaal bzw. für Jugendarbeit des CVJM.
1949 wurde das Deportierten-Lager geräumt und mit ostdeutschen Vertriebenen und ausgebombten Kielern neu belegt. Noffke erkannte die Chance kirchlicher Arbeit hier vor Ort. Es gelang, Prediger Klimkeit als Lagerseelsorger zu gewinnen – daneben war er als Küster tätig. Die Kirchengemeinde konnte Baracke 9 als Kirchsaal einrichten – u.a. mit dem alten Abendmahlsgemälde von 1714, das aus einer Abstellkammer der Bethlehem-Kirche hervorgeholt wurde! – Damit war die Filialgemeinde Schurskamp entstanden. 1949 - 1964 fanden hier an jedem Sonn- und Feiertag Haupt- und Kindergottesdienst statt. Außerdem leitete der Lagerseelsorger mehrere Jugendgruppen. Erst im Zuge des Barackenräumprogramms 1964/65 löste sich die Filialgemeinde Schurskamp auf.
Aber auch in anderen Lagern gab es Außenstellen der Kirchengemeinde: Sogen. „Zimmergottesdienste“ im Lager „Brauner Berg“ bis 1961, dann ab 1959 im Obdachlosen-Lager „Alte Festung“ (in der nördlichen Kasematte I; 1974 aufgelöst).

Ein bedeutender Schritt für die Gemeindearbeit war der Erwerb eines Grundstückes (1948) und Bau des Gemeindehauses mit Pfarr- und Küsterwohnungen in der Koloniestr. 3 (1950-52). Damit hatte die Kirchengemeinde Friedrichsort erstmals ein eigenes Grundstück und Gebäude!
Ein besonderer Schwerpunkt der gemeindlichen Bemühungen in den ersten Nachkriegsjahren galt dem Aufbau der Jugendarbeit. Zeitweise gab es bis zu 14 Jugendgruppen, „sodaß die evangelische Jugend weitaus die größte Zahl in Friedrichsort beherbergte“ (Chronik S. 44).
Lange haben hier Emil Kruska, später der Sohn Wolfgang Kruska in enger Zusammenarbeit mit dem CVJM (bis Mitte der 70er Jahre) gewirkt. - Bis heute gehalten hat sich der relativ eigenständig organisierte Pfadfinderstamm St. Michael: 1949 gegründet von Siegfried Keil u.a.

Überblickt man diese ersten Nachkriegs-Jahre, so ist beachtlich, wie trotz der Armut der Gemeinde der Aufbau eines eigenständigen Gemeindelebens mit Kirche, Friedhof, neuem Gemeindehaus, eigener Pfarrstelle und einigen Mitarbeiter/innen gelang.

Die weitere Entwicklung des Gemeindelebens folgte gesamtkirchlichen Tendenzen und Akzentsetzungen des jeweiligen Pastors:

Auf den Gemeindegründer Dr. Arthur Noffke (1943-51) folgte Dr. Hans-Joachim Runge (1951-59). In seine Dienstzeit fällt die Renovierung von Kirche (1955) und Friedhofskapelle (1953-57), die ersten Feiern von Goldenen Konfirmationen (ab 1957). 1957 gründete sich ein „Orgelbau- und Kirchenausstattungsverein e.V.“, sodass 1959 die neue Orgel eingeweiht werden konnte.

Hinrich Toepffer (1960-67) war erst als Hilfsgeistlicher, dann als Pastor in Friedrichsort. 1963-67 erhielt der Altarraum sein heutiges Aussehen (Kreuz, Taufe, Lesepult, Gedenktafel). Schwerpunkt der Gemeindearbeit war die Jugendarbeit: Ein Segelkutter wurde gekauft, es gab Jugendgottesdienste mit Jazz-Band, das Jugend-Freizeitheim in Krusendorf („Backhaus“) wurde ausgebaut.

In den Jahren von Dr. Runge und Toepffer gab es immer wieder den Wunsch, eine neue Kirche – mit Gemeindezentrum und Kindergarten - zu errichten. Anfangs war für die Bewohner von Kaserne und Kasematten die Lage von Kirche und Friedhof günstig, dann aber gerieten beide immer mehr an den Rand des Gemeindegebiets. Schließlich waren auch die angeblichen Erweiterungspläne der MaK (1967, erneut 1986) ein Anlass, eine günstigere Lage für eine neue Kirche zu suchen.

Erwogen wurden Bauplätze hinter dem Gemeindehaus Koloniestr. am heutigen Dieselweg, dann die Ecke Oldestraße / An der Schanze, die Redoute – heute Gelände des AWO-Kindergartens - und von Seiten des Stadtplanungsamtes (1968) die Anhöhe an der Einmündung der Koloniestr. in den Christianspries, der dann direkt an die alten Häuser verlegt werden sollte. - Kein Plan wurde verwirklicht!

Gerhard Schmidt (1968), nur kurze Zeit in Friedrichsort, versuchte, Camping-Seelsorge am Falckensteiner Strand (Strandgottesdienste) zu etablieren.

Hartmut Liepke (1969-73) konnte 1969 in das neue Pastorat mit Gemeindebüro Dieselweg 2a einziehen. Er sorgte für die Einrichtung einer Kinderstube im Gemeindehaus (Leitung: Frau W. Paetsch; Mitarbeit von Müttern) und hielt Eltern- und Gemeindeseminare ab, außerdem gab es erste ökumenische Gebetsgottesdienste sowie die Feier des Weltgebetstags (1972).
1973 erhielt die Kirche Außenabstützungen und der Glockenturm aus akustischen Gründen eine Querverbretterung, die im Jahr 2000 wieder entfernt wurde.

Kurz, aber heftig war der Auftritt von Siegfried Munz (1973-74): Er knüpfte Kontakte zur MaK und zur Lindenau-Werft, veranstaltete eine Reihe „Kunst in der Kirche“ (KiK), u.a. mit Werken des renommierten Bildhauers Jan Koblasa, und sogar den späteren Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass holte Munz zu einer Dichterlesung in’s Casino der MaK. – Allerdings stieß Munz auch auf Widerstand bei Teilen der Kerngemeinde. Der Kirchenvorstand war gespalten. Die Spannungen entluden sich an einem Konflikt mit dem Küster. Im Ergebnis verließen beide, Pastor und Küster, die Gemeinde.

Mit Ulrich Kalms (1975-96) kehrte wieder Ruhe ein, nachdem 1975 die Festwoche zur 100-Jahr-Feier der Kirche überstanden war. Neu waren regelmäßige Besuche der DDR - Partnergemeinde Altenhagen / Kreis Altentreptow, der Silbernen Konfirmation und eine liturgisch geprägte Osternachtfeier.
1987 erhielt die Kirche den Namen „Bethlehem-Kirche“ - allerdings sagen heute noch viele Einheimische „Garnisonkirche“ oder „Holzkirche“ -, und 1988 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt. Ebenfalls 1988 erfolgte eine entsprechende Namensgebung für die Kirchengemeinde: Sie hieß bis zum 31.12.1994 „Ev.-luth. Bethlehem-Kirchengemeinde Kiel-Friedrichsort“.

Fast zeitgleich mit Ulrich Kalms wirkte der Holtenauer Seemanns-Pastor Gerd Rohde (1976-97) an der Bethlehem-Kirche (14-tägig im Gottesdienst) und im Seniorenkreis als Leiter - gemeinsam mit dem Küster Manfred Rudloff (1974-2001), der sich in besonderer Weise um Pflege und Ausstattung der Bethlehem-Kirche verdient gemacht hat.

Soweit zum Gemeindeleben in den 50er bis 90er Jahren. In genau diesem Zeitraum vollzog sich aber auch ein Schrumpfungsprozess, der schließlich 1995 zum Ende der selbstständigen Friedrichsorter Gemeinde führte. Im Laufe der Jahre gab es immer neue Gründe für diesen Prozess:

Schon 1951 gingen nach der Neubesetzung der Pfarrstelle Pries [OKR Georg Prater für Osbahr] einige Gottesdienstbesucher aus Friedrichsort in ihre eigene Prieser Gemeinde zurück – und der Weggang des beliebten Noffke 1951 wird diesen Trend zur Abwanderung von Friedrichsort nach Pries nicht gebremst haben.
Mitte der 50er Jahre kam das Lagerräumprogramm sowie der Abriss der Siedlung „Kolonie Prieser Höhe“ (ab 1956) - 1953 meldet Pastor Runge 7049 Gemeindeglieder, 1956 nur noch 5851.
Ab Ende der 50er war dann die städtebauliche Entwicklung folgenreich: Während in den 50er Jahren etliche Wohnungen in Friedrichsort neu errichtet worden waren, lagen ab 1958 fast alle größeren Bauvorhaben – vor allem die „Neue Heimat“ um den Wagnerring - im Prieser Gemeindegebiet.
Ende der 60er Jahre erklärte sich der Friedrichsorter Kirchenvorstand bereit, die Straßenzüge, die 1947 von Pries zu Friedrichsort gekommen waren (Prieser Strand, Monsberg, Untere Str., Obere Str., Weststr., Stromeyerallee, Schurskamp, Fontanestr., Samlandweg, der untere Teil der Fritz-Reuter-Str.), an die neuerrichtete 2. Prieser Pfarrstelle abzutreten. Das hieß für Friedrichsort rd. 1300 Gemeindeglieder weniger.

In den 70er Jahren ließen die Kirchen-Austrittswelle sowie der Zuzug von muslimischen und katholischen Gastarbeitern nach Friedrichsort die Zahl der Gemeindeglieder weiter sinken: Die Gemeindegliederzahl sank 1975 erstmals seit der Neugründung 1947 unter 2000.
Der Trend hielt auch in den 80er und 90er Jahren an: Obwohl die Wohnbevölkerung nur noch geringfügig zurückging, sank die Gemeindegliederzahl schließlich auf 1145 im Jahr 1994 - das waren erstmals weniger als 50 % der Einwohnerschaft!

Während die Einwohnerzahl von Friedrichsort von 1955 bis 1995 um fast 50 % sank, ging im selben Zeitraum die Zahl der Gemeindeglieder um 81 % zurück - von ca. 6000 auf 1145.

Diese Entwicklung schlug sich natürlich auch finanziell nieder: Seit 1984 benötigte die Gemeinde jedes Jahr finanzielle Sondermittel – sogen. Ergänzungszuweisung.
Die Folge war fast zwangsläufig die erneute Vereinigung mit der Kirchengemeinde Pries.
Friedrichsort war im Laufe der Jahre zur kleinsten Kieler Kirchengemeinde geworden und finanziell allein nicht mehr überlebensfähig. 1981 regte der Kirchenkreis Kiel Gespräche zur Vereinigung an.

Die äußeren Voraussetzungen waren günstig: Pries und Friedrichsort waren längst zu einem Doppelstadtteil zusammengewachsen, und auch die ehemals unterschiedlichen theologischen Prägungen der beiden Gemeinden hatten sich abgeschliffen.

Die inneren Voraussetzungen waren dagegen schwierig: Hinsichtlich Gemeindegliederzahl und Finanzkraft waren beide Gemeinden doch sehr unterschiedlich, und so war zu befürchteten, dass die bevorstehenden Einschnitte in erster Line Friedrichsort treffen würden. Ziel der Fusion war u.a. die Verringerung des hohen Finanzbedarfs der Friedrichsorter Gemeinde, und das hieß: Einsparungen, Abbau von Mitarbeiter-Stellen – nicht nur, aber vor allem im Friedrichsorter Bereich.

Anfangs waren die Kirchenvorstände beider Gemeinden skeptisch. Friedrichsort war eher geneigt, die 1968/69 abgetretenen Straßenzüge wieder hinzuzunehmen als eine Fusion einzugehen. Es war der Kirchenkreis Kiel, der vorwärts drängte. Als „Anreiz“, den Schritt in die Vereinigung zu gehen, machte der Kirchenkreis die Zusage, sich am Neubau einer Kindertagesstätte in Friedrichsort und an der Renovierung des Gemeindehauses in der Koloniestraße zu beteiligen. Wenn beide Kirchenvorstände daraufhin 1994 dann doch einer Vereinigung zustimmten, so war dies eine Entscheidung, die der Not gehorchte: Es gab vor allem für Friedrichsort keine Alternative.

 

5. 1995 bis zur Gegenwart
Zum 1.1.1995 vereinigten sich die Kirchengemeinden zur „Ev.-luth. Kirchengemeinde Pries-Friedrichsort“. Sie hatte nun 2 Kirchen, 2 Gemeindehäuser, 2 Büros, 3 Pfarrstellen, 2 Küster, 2 Sekretärinnen, 2 Gemeindepädagoginnen, 2 Organistinnen. Dabei konnte es nicht bleiben.

Zunächst jedoch wurden die „Vereinigungsgewinne“ sichtbar: Neubau der Kindertagesstätte (1995/96), Renovierung und Umbau des Gemeindehauses Koloniestraße (1997), dazu mit Birke Müller (1995-2000) seit Dez. 1995 eine junge Pastorin - erstmals eine Frau - für den Gemeindebezirk Friedrichsort. All dies weckte noch einmal die Hoffnung auf den Fortbestand eines eigenständigen Friedrichsorter Gemeindelebens innerhalb der Gesamtgemeinde.

Dann aber kamen die Einschnitte: Der Kirchenvorstand beschloss als notwendige Sparmaßnahmen, das Friedrichsorter Gemeinde-Büro zu schließen, Plan-Stellen bei Weggang bzw. Eintritt in den Ruhestand zu streichen (Gemeindepädagogin 1997, Organistin 1998, Küster 1999/2000, Sekretärin 2002) und die Zahl der Gottesdienste in der Bethlehem-Kirche ab 1997 zu reduzieren - ab 2000 nur noch ein monatlicher Gottesdienst. Und der Kirchenkreis Kiel strich die Pfarrstelle von Pastorin Müller ersatzlos. Der bisherige Friedrichsorter Pfarrbezirk wurde daraufhin aufgeteilt und den Prieser Pfarrstellen zugeordnet: Barbara und Volker Landa übernahmen das Untere Friedrichsort (Hauptstraße, Dieselweg etc.), Roland Weiss die Straßen um den Stettiner Platz.

Zeitgleich liefen ab 1996 Verhandlungen über die Zukunft der Bethlehem-Kirche, die immer noch Eigentum des Staates war. Nach langen Verhandlungen drohte die Oberfinanzdirektion mit dem Verkauf auf dem freien Markt. Nach heftigen Kontroversen zwischen Kirchenvorstand und Kirchenkreis Kiel über das Risiko der Folgekosten kam es zu einer Lösung, die sich im Rückblick als Glücksgriff erweisen sollte: Ein Verein, nämlich die aus dem Orgelbau-Förderkreis hervorgegangene „Interessengemeinschaft Bethlehem-Kirche Kiel-Friedrichsort e.V.“ erwarb 1999 für 35.000 DM (=17.895 €) die Kirche, um sie der Öffentlichkeit zu erhalten. Eine Nutzungsvereinbarung sichert und regelt die gemeinsame Nutzung der Kirche durch die Gemeinde und den Verein:
Die Kirchengemeinde sorgt für die Gottesdienste, auch zu besonderen Anlässen wie Konfirmationen, Osternacht, Einschulung und für die Amtshandlungen. Außer Heiligabend finden seit 2000 keine Gottesdienste parallel in der Prieser Kirche „Zum guten Hirten“ und in der Bethlehem-Kirche statt, damit auch die Gottesdienst-Gemeinde zusammenwächst – die meisten der Prieser Gottesdienstbesucher gehen inzwischen auch nach Friedrichsort, fast alle Friedrichsorter auch nach Pries in die Kirche. - Der Gottesdienstbesuch in der Bethlehem-Kirche hat sich deutlich verändert: Weniger, aber erheblich besser besuchte Gottesdienste führten zu einer konstanten Jahresbesucherzahl von ca. 1.200. – Für den Prozess der Vereinigung beider Kirchengemeinden war es jedenfalls enorm wichtig, dass die Bethlehem-Kirche als Predigtstätte erhalten geblieben ist.

Der Verein kümmert sich um Gebäude und Grundstück, um Denkmalpflege und Öffentlichkeitsarbeit und vor allem um die Organisation kultureller Veranstaltungen – Konzerte, Vorträge und Theateraufführungen, die z.T. über Kiel hinaus Beachtung finden. Am „Tag des offenen Denkmals“ beteiligen sich seit 1999 Gemeinde und Verein mit einem abwechslungsreichen Programm.

Bis jetzt hat sich diese außergewöhnliche Konstruktion als tragfähig bewährt und viel Engagement im Verein, in der Gemeinde und im Stadtteil freigesetzt.

Anders erging es der 1901 errichteten Friedhofskapelle: 1999 wurde sie auf Beschluss des Kirchenkreises Kiel – er war inzwischen Eigentümer des alten Garnisonfriedhofs geworden – abgerissen; nach Ansicht des Kirchenkreises war sie baufällig bzw. waren die Sanierungskosten unvertretbar hoch.

Der Abriss belastete das Verhältnis zwischen Kirchenkreis und Kirchengemeinde erheblich. Gelegentlich war zu hören: „Die Kapelle abgerissen, das Gemeindebüro zu, die Pfarrstelle weg, kaum noch Gottesdienste in Friedrichsort, und die Bethlehem-Kirche ohne Kirchensteuergelder von uns Friedrichsortern selbst finanziert – das ist das Ergebnis 5 Jahre nach der Vereinigung!“

Dennoch kann man im Rückblick insgesamt ein eher positives Fazit der Vereinigung ziehen:
- Die Gemeinden sind allmählich zusammengewachsen; es gibt weder ein Friedrichsorter noch ein Prieser Eigenleben, bei Kirchenvorstandswahlen keine Wahlbezirke etc.
- Das finanzielle Ziel ist erreicht: Seit 2001 kommt die Gesamtgemeinde mit den ihr regulär zustehenden Kirchensteuergeldern - also ohne „Ergänzungszuweisung“ - aus.
- Der notwendige Stellenabbau erfolgte sozialverträglich ohne Kündigung.
- Das kleinere Friedrichsort ist nicht von Pries „verschluckt“ worden; was Friedrichsort in die Gesamtgemeinde eingebracht hat, spielt eine wichtige Rolle im Gemeindeleben: die Kindertagesstätte, das renovierte Gemeindehaus mit guten Nutzungsmöglichkeiten sowie die Kirche.
- Die Bethlehem-Kirche ist als Predigtstätte erhalten geblieben. Vor allem die vielfältige kulturelle Nutzung bereichert das Leben im Stadtteil und hat diese Kirche über Kiel hinaus bekannt gemacht. Und schließlich gehen vom Trägerverein auch gemeindeaufbauende Impulse aus.

 

6. Zusammenfassung
Unter dänischer Herrschaft genoss die kleine Festungsgemeinde nach unruhigen Anfängen insgesamt eine Zeit konstanter Verhältnisse.
Die knapp 140 Jahre unter deutscher Herrschaft waren eine Zeit, geprägt von wechselnden Abhängigkeitsverhältnissen (von Dän.hgn, Kieler Militärpfarramt, Pries) und dem Streben nach Selbstständigkeit:
Im Kaiserreich erlebte die Friedrichsorter Gemeinde ihre erste Blütezeit. Dann, zwischen den Kriegen, folgte der Niedergang und schließlich der „Anschluss“ an das größere Pries.
1947 kam es erstmals zu echter Selbstständigkeit – aber unter dem finanziellen Druck war die (Wieder-)Vereinigung mit Pries 1995 die logische Folge. Natürlich ging dieser Vereinigungsprozess nicht ohne Schmerzen vor sich, jedoch hat er sich als notwendig erwiesen und bewährt. Nicht zuletzt auch aufgrund der kirchlichen Großwetterlage (Trend zur „Regionalisierung“, Bildung größerer Einheiten) ist eine Rückkehr zu einer eigenständigen Friedrichsorter Kirchengemeinde in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Ihre Geschichte ist als abgeschlossen zu betrachten.